Liebe Nina,

Du schreibst über die Exzellenz? Ich habe eine gaaaaaaaanz eigene Sicht darauf.

Exzellenz ist ein schwieriger Begriff. Er gehört zu den Worten, die sich jeder so auslegt, wie er es gerade gebrauchen kann. In der deutschen Sprache ist der Begriff mit besonderer Vorsicht zu genießen.
Das erste Problem, dass die deutsche Sprache mit dem Wort Exzellenz hat ist: Sie kennt es gar nicht. Das Wort Exzellenz ist eine diplomatische Anrede. „Seiner Exzellenz, dem Herrn amerikanischen Botschafter“ bietet der Duden als Beispiel an. Eine andere Bedeutung dieses Wortes gibt es in der deutschen Sprache nicht. (http://www.duden.de/rechtschreibung/Exzellenz). Schwierig! Ein Wort, das es offiziell nicht gibt, kann wirklich jeder so verstehen, wie er es möchte.

Im Duden findet sich nur das Adjektiv exzellent. „aufs Beste, ausgezeichnet, bestens, brillant, erstklassig, exquisit, fabelhaft, genial, grandios, herrlich, hervorragend.“ sind nur einige Synonyme, die der Duden vorschlägt.
Kennt eine Sprache zu seinem Adjektiv kein Substantiv, so ist das kein Fehler in der Sprache. Es ist kein Zufall. Sprache ist gelebte Philosophie einer Gesellschaft. Sprache drückt das aus, was die Gesellschaft denken möchte. Sprache beschreibt die Normen einer Gesellschaft.
Wer das nicht glauben möchte sollte einen Blick in Orwells 1984 werfen. „Neusprech“ ist eine neue Sprache, in der man nur noch dem großen Bruder genehme Dinge formulieren kann. Orwell beschreibt Sprache als ideologische Erziehung. (https://de.wikipedia.org/wiki/Neusprech)
Exzellenz ist ein Begriff, den es so nicht gibt – und das hat seinen Grund.

Nun geht es ja auch um die Uni. Da kommt man auf die Exzellenzinitiative – und dieses Wort kennt der Duden sehr wohl.
Das Bildungsministerium benennt eine ziemlich wichtige Initiative mit einem Wort, das es nicht gibt. Wer das für einen schlechten Witz oder einen typisch sozialdemokratischen Lapsus hält, der liegt falsch.
Nun fragt man sich, warum so etwas passiert. Was ist der Zweck ein Wort zu verwenden, das es nicht gibt? Und dessen Verwendung sich auch in Google ausschließlich auf Hochschulen bezieht?
Meiner Meinung nach möchte man ein schönes Wort für eine durchwachsene Initiative finden. Es ist möglich, dass diese schwammige Definition der Exzellenz durchaus gewollt ist.

Nun, die erste Betrachtung sollte sein, wie die Exzellenzinitiative in der Außenwelt wahrgenommen wird. Was versteht die Gesellschaft darunter?
Dazu die Süddeutsche auf ihrem Onlineauftritt:
http://www.sueddeutsche.de/bildung/exzellenz-initiative-das-sind-deutschlands-elite-unis-1.1383764
Der Titel sagt schon „Das sind Deutschlands Elite-Unis“.

Ohne eine wirklich lange Diskussion über die ideologische Prägung der SZ starten zu wollen, sie ist doch ein halbwegs geschmacksfreies und mäßig reißerisches Medium.
Ein a priori, basierend darauf,  dass die SZ für die Gesellschaft spricht: Unter der Exzellenzinitiative scheint die Gesellschaft die Bildung von Elite-Unis zu verstehen.
Elite ist auch ein Wort, das sich im Duden findet. Synonyme sind:
-          Die Besten
-          Die oberen Zehntausend
-          Establishment
-          Führungsmannschaft
-          Geldadel
-          Hohe/vornehme Gesellschaft
-          Oberschicht
-          Schickeria
Welche dieser Synonyme möchte sich eine Uni öffentlich und imagebildend auf die Fahne schreiben? „Die Besten“. Das war es dann aber auch. Weder Oberschicht noch Establishment, weder vornehme Gesellschaft noch Führungsmannschaft. Ganz sicher nicht Schickeria.
Welche dieser Synonyme beschreiben genau das, was in einer Universität schief läuft? Diese rhetorische Frage möge sich jeder selber beantworten.

Was die Exzellenzinitiative im tatsächlichen Selbstverständnis der Universitäten auslöst ist aber mit „Elite“ sehr gut umschrieben.
Es gibt eine Elite, eine Führungsmannschaft. Eine Oberschicht. Das sind die Universitäten, die gefördert werden. Die anderen Universitäten können in die Röhre gucken.

Kein Unternehmen würde in seiner Werbung sagen, dass es die Elite darstellt. „Wir sind die Besten“ sagt jeder, „wir sind elitär“ aber keiner.
Warum nicht? Weil der Begriff negativ belegt ist.
„Elitär“ bedeutet ausgesucht, auserwählt. Das kann man jetzt noch so und so sehen.
Aber auch: herablassend, überheblich, anmaßend, arrogant, blasiert, dünkelhaft, süffisant.

Ist eine Exzellenz-Uni herablassend, überheblich, anmaßend, arrogant, blasiert, dünkelhaft, süffisant?

Hier ist etwas Platz, an dem sich jeder seine eigene Antwort eintragen darf:

_________________________

Jetzt kann man den Einwand finden, dass Elite das Substantiv und elitär ein Adjektiv mit einer leicht anderen Bedeutung ist.
Aber hier liegt das Problem. So ist es mit Adjektiven und Substantiven.

Und so ist das mit der deutschen Sprache. Bildet sich ein Substantiv aus einem Adjektiv, so wird ein beschreibender Zustand festgeschrieben. Und umgekehrt.
Adjektive werden fast zwangsläufig einem zeitlichen Bezug verwendet.
„Er leistet exzellente Arbeit“ ist eine Umschreibung der Gegenwart.
„Er leistete exzellente Arbeit“ ist eine Umschreibung der Vergangenheit. Geht es nicht gerade um ein Arbeitszeugnis wird durch die Verwendung der Vergangenheit ein negativer Beigeschmack gegeben weil impliziert wird, dass das jetzt nicht mehr so ist.
„Er wird exzellente Arbeit leisten“ ist die Zukunft. Bedeutet, dass das im Moment noch nicht so ist, aber jemand an mich glaubt.
„Er ist exzellent“: Achtung, „ist“ beschreibt auch die Gegenwart!
Bilde einen Satz mit dem Adjektiv „exzellent“ ohne einen zeitlichen Bezug zu geben!

Zieht man das Adjektiv aber in ein Substantiv so geht der zeitliche Bezug verloren.
„Exzellenz“ beschreibt – wenn es dieses Wort denn geben würde! – einen zeitlosen Zustand.
Wie auch die „Elite“ haftet zu schnell der Umstand an, dass man dazugehört oder eben nicht. Zu schnell geht die Aufforderung verloren, etwas für diese Auszeichnung machen zu müssen. Das beständige Streben nach dieser Auszeichnung ist nicht mehr nötig wenn der Zustand zum Substantiv wird.
Muss ich mich beständig bemühen auch weiterhin zum Establishment zu gehören? Nein, ich gehöre dazu und dabei bleibt es dann auch.
„Die Universität Heidelberg ist exzellent“ – dafür muss sie beständig etwas machen, und es gibt jemand, der sie als exzellent bewertet.
„Die Exzellenz-Universität Heidelberg“ – das ist eine Institution, die ich einfach anzuerkennen habe.

Es ist kein Zufall. Wird ein Adjektiv zu einem Substantiv, so ist das kein Zustand mehr. Ein Substantiv ist eine Sache, ein Gegenstand, eine Institution.
Und genau das ist der Grund, warum es für exzellent kein Substantiv gibt. Im Geist des Wortes exzellent liegt, dass es ein Zustand und keine Sache ist. Mit allen Folgen. Ein Zustand kann sich ändern, ein Adjektiv will verdient sein. Die SCHÖNE Landschaft ist gesegnet, dass sie schön ist. Der FLEISSIGE Schüler muss hart für sein Adjektiv arbeiten. Das Adjektiv muss ich mir verdienen. Das Substantiv nicht.
Die deutsche Sprache kennt nur das Adjektiv – ich muss es mir verdienen exzellent genannt zu werden.
Es spricht Bände, dass für diese Initiative das Adjektiv zu einem Substantiv gemacht wurde!

Wir haben nicht klären können warum das Bildungsministerium den Namen Exzellenzinitiative aus der Taufe gehoben hat.
Es ist auch nicht gesagt, dass die Universitäten diese Auszeichnung als selbstverständlich ansehen.
Es ist auch nicht gesagt, dass eine Exzellenz-Universität nicht immer nach Besserem strebt.
Es ist nicht gesagt, dass eine Exzellenz-Universität sich arrogant als Institution setzt und man damit nach ihr streben sollte, während die Uni selbst schon alles erreicht hat und sich nun ausruhen kann.
Aber allein der Name Exzellenz öffnet Tür und Tor für genau diese Arroganz.

Liebe Nina,

das Alles hat wirklich -garnichts- mit dem Artikel zu tun, den Du mir geschickt hast.
Wie kommt das? Du hast auf Englisch gegoogelt. Im Gegensatz zum Deutschen kennt das Englische das Wort excellence.

„In modern public relations and marketing, excellence is frequently criticized as a buzzword that tries to convey a good impressen often without imparting any concrete information“.
Die Übersetzung des Wortes in das Deutsche ist schwierig, weil es eben mehrere Bedeutungen haben könnte. Ich wähle hier die Übersetzung: Qualität.
Im Gegensatz zum Englischen ist der Begriff Qualität im Deutschen deutlich umfassender. Während „a good quality“ sich eigentlich nur auf die reine messbare Güte bezieht ist im Deutschen die Qualität auf eine ganze Philosophie. Spricht man z.B. bei einer Braun Armbanduhr von einem Qualitätsprodukt, so ist damit nicht nur die Güte der Verarbeitung und der Materialen gemeint, sondern die ganze Philosophie, die hinter dieser Firma und ihren Produkten steht. Frag Vater mal danach!
Das, was Chemuturi beschreibt findet sich in der deutschen Literatur als Streben nach Qualität, abseits der reinen Qualitätssicherung.
Qualität spiegelt nicht nur das gute Produkt, sondern auch das gute Konzept wieder. Das Streben, nicht nur gute Materialen zusammenzusetzen, sondern eine gute Firma zu sein. Das beschreibt er wirklich ganz toll!

Der deutsche Pseudo-Begriff Exzellenz möchte das wiederspiegeln, scheitert aber an der Kritik der englischen Wikipedia: A buzzword without imparting any concrete information. In der Realität steckt hinter dem Begriff doch nur die Elite.
Du siehst, die Exzellenzinitiative hat mich schon mal sehr genervt und ich bin kein Freund davon ;) Vielleicht konnte ich Dir ja auch noch eine Anregung für Deinen Text geben!

 

Liebe Grüße

Leo